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Dr. Gerhard Liebig ist am 19. Mai 2026 verstorben. Mit ihm verlieren die Imkerei und die Bienenkunde eine der prägenden Stimmen der letzten Jahrzehnte. Viele Imkerinnen und Imker kennen ihn durch seine Bücher, Vorträge, Kurse, Videos und durch seine klare, oft zugespitzte, aber stets am Bienenvolk orientierte Art, Dinge zu erklären.
Gerhard Liebig stand für eine einfache und zugleich anspruchsvolle Haltung: „Wer beobachtet, weiß Bescheid.“ Dieser Satz war bei ihm kein bloßer Spruch, sondern Arbeitsprinzip. Er schaute genau hin, zählte, verglich, prüfte und leitete daraus Empfehlungen ab, die für die imkerliche Praxis verständlich und umsetzbar waren. Ob Waldtracht, Volksentwicklung, Varroadiagnose, Jungvolkbildung oder Betriebsweise – im Mittelpunkt stand für ihn immer das Bienenvolk selbst.
Sein Weg zur Bienenkunde führte über die Blattläuse. Von 1970 bis 1975 studierte er Agrarbiologie an der Universität Hohenheim. Am Institut für Phytomedizin beschäftigte er sich in seiner Diplomarbeit und später in seiner Doktorarbeit mit Blattläusen. Über diese Blattläuse kam er zu den Bienen, denn auf Fichte und Tanne leben auch bienenwirtschaftlich wichtige Honigtauerzeuger. Aus dieser Verbindung entstand eines seiner großen Lebensthemen: die Waldtracht.
Über viele Jahre beobachtete er die Entwicklung von Honigtauerzeugern, Witterung, Trachtverlauf und Bienenvölkern. Diese Verbindung aus Freilandbeobachtung, biologischem Verständnis und imkerlicher Anwendung prägte seine gesamte spätere Arbeit. Waldtracht war für ihn nicht nur eine Frage des Honigertrags, sondern ein komplexes Zusammenspiel aus Umwelt, Lausentwicklung, Baumphysiologie, Wetter und Bienenvolk.
Ein weiterer Schwerpunkt seines Wirkens war die Entwicklung von Bienenvölkern. Gerhard Liebig wollte nicht nur wissen, dass ein Volk stark oder schwach war, sondern warum es sich so entwickelte. Populationsschätzungen waren für ihn deshalb ein zentrales Werkzeug. Wer mit ihm an den Völkern stand, erlebte, wie konsequent er Bienen, Brut, Futter, Tracht und Varroabefall zusammendachte. Daraus entstand eine Bienenkunde, die nicht vom Rezept, sondern vom Verständnis des Volkes ausging.
Diese Denkweise prägte auch seine Empfehlungen zur Varroabekämpfung und zur Betriebsweise. Konzepte wie die Hohenheimer Betriebsweise, die Völkervermehrung in vier Schritten oder „Teilen und behandeln“ waren für ihn keine komplizierten Sonderwege, sondern praktische Konsequenzen aus der Biologie des Bienenvolkes. Brutfreie Phasen, Jungvolkbildung, Schröpfen, Drohnenbrutentnahme und rechtzeitige Behandlung wurden zu Bausteinen einer einfachen, nachvollziehbaren und verantwortbaren Imkerei.
Gerhard Liebig war aber nicht nur Wissenschaftler. Er war vor allem auch Vermittler. Seine Bücher, allen voran „Einfach imkern“, haben vielen Menschen den Einstieg in die Bienenhaltung erleichtert. Er konnte komplexe Zusammenhänge verständlich machen, ohne sie beliebig zu vereinfachen. Viele Jungimkerinnen und Jungimker wurden durch seine Kurse, Texte und Videos geprägt. Wer Fragen stellte, erhielt meist eine Antwort – auch dann, wenn dieselbe Frage schon viele Male gestellt worden war.
Ich durfte Gerhard in Hohenheim persönlich erleben und später dabei helfen, sein Wissen digital zugänglich zu machen. Die Website immelieb.de wurde als Ort aufgebaut, an dem seine Hinweise, Texte, Termine, Videos und Gedanken zur Imkerei gebündelt werden konnten. Die ersten im Archiv sichtbaren Beiträge erschienen im Februar 2013 – mit Themen, die sehr typisch für Gerhard waren: Restentmilbung mit Oxalsäure, der milde Winter, die Frage nach dem Zustand der Völker und der nahende Frühling am Bienenstand.
Wenig später nutzte ich auch einen bereits bestehenden eigenen YouTube-Kanal für immelieb.de und pflegte ihn fortan weiter. Das erste dort veröffentlichte Video, „Der Schlupf einer jungen Bienenkönigin“, erschien am 6. April 2013. Gefilmt hatte diesen ganz besonderen Moment Gerhard selbst. Rückblickend passt dieser Anfang sehr gut zu ihm: beobachten, festhalten, zeigen.
Wer Gerhard Liebig kannte, wusste, wie konsequent er arbeitete. Bei Populationsschätzungen sprach er die erhobenen Daten auf Band. Am Bienenstand hatte er dafür stets seinen Aktenkoffer dabei. Wenn er am späten Nachmittag oder Abend von Außenständen zurückkam, die über ganz Baden-Württemberg verteilt lagen, traf man ihn oft noch im Büro an – beim Eintippen der Daten, beim Prüfen der Zahlen oder bei den ersten Auswertungen.
Diese Sorgfalt endete nicht mit dem Arbeitstag. Wochenenden, Urlaub oder feste Bürozeiten schienen für ihn kaum eine Rolle zu spielen, wenn es um Bienen, Daten oder imkerliche Fragen ging. Er beantwortete E-Mails zuverlässig, auch wenn Fragen noch so redundant waren. Selbst bei der wiederholten Nachfrage eines Jungimkers blieb er geduldig, sachlich und fachmännisch. Dahinter stand keine Selbstdarstellung, sondern ein tiefes Verantwortungsgefühl gegenüber den Bienen und gegenüber den Menschen, die mit ihnen arbeiten wollten.

Populationsschätzung an Versuchsvölkern im Mais: Der schwarze Aktenkoffer mit dem Diktiergerät gehörte für Gerhard Liebig ebenso selbstverständlich zum Bienenstand wie Stockmeißel und Smoker.
Ein besonderes Anliegen war ihm die Ausbildung von Jungimkerinnen und Jungimkern – in Hohenheim, später an der Ruhr-Universität Bochum und auch weit darüber hinaus. Wer mit den ersten Völkern Fehler machte, wer eine Königin verlor oder eine Maßnahme falsch verstanden hatte, wurde nicht abgekanzelt. Gerhard erklärte geduldig ein zweites oder drittes Mal, was zu tun war, und führte zurück zur Sache: zum Volk, seiner Entwicklung und den einfachen, richtigen Handgriffen.
Auch für mich wurde „Einfach imkern“ auf persönliche Weise Teil meines imkerlichen Weges. Als um 2008/2009 in Hohenheim die zweite Auflage erschien, brachte Gerhard Liebig jedem Hiwi an der Landesanstalt ein Exemplar mit. Mir drückte er es mit Studentenrabatt zum halben Preis in die Hand – obwohl ich es damals eigentlich gar nicht haben wollte. Erst später merkte ich, wie viel Substanz in diesem scheinbar einfachen Buch steckte.
Auch nach meiner Hohenheimer Zeit blieb der Kontakt bestehen. Im Jahr 2016 lud ich Gerhard zu einem Vortrag nach Pforzheim ein, in meine damalige Firma, in der ich als Imkerkoordinator und Leiter der Imkerei tätig war. Das Foto zu diesem Beitrag entstand bei diesem Treffen. Es erinnert mich daran, wie selbstverständlich Gerhard auch nach seiner Hohenheimer Zeit bereit war, sein Wissen weiterzugeben – direkt, praxisnah und ohne große Umwege.

Gerhard Liebig und Richard Odemer bei einem Vortragstreffen in Pforzheim im Jahr 2016. Gerhard Liebig blieb auch nach seiner Hohenheimer Zeit ein gefragter Vermittler praxisnaher Bienenkunde.
Auch seine praktische Seite ist mir lebendig in Erinnerung. Einmal waren wir früh morgens zum Abwandern seiner Völker auf der Schwäbischen Alb verabredet. Mit der alten Pritsche, unserem orangenen Dienstwagen, holten wir zwölf Völker ab. Gerhard zeigte mir, wie man sie mit speziellen Wandergurten richtig sichert – ruhig, selbstverständlich und Handgriff für Handgriff. Als Proviant gab es eine Tüte Äpfel. Ich hatte von den Vortagen aus meinem eigenen Diplomarbeitsprojekt noch schmerzhafte Bienenstiche im Gesicht, das deutlich angeschwollen war. Gerhard kommentierte das nicht weiter. Die Aufmerksamkeit lag bei den Völkern, bei der Arbeit und bei der Frage, ob alles richtig gemacht war.

Bienenstand in Deizisau mit der alten orangenen Pritsche, die bei Außenständen, Materialtransporten und Wanderungen regelmäßig im Einsatz war.
Eine andere Erinnerung beschreibt seine Art vielleicht noch besser. Bei einem Schätztermin im Mai an einem seiner Bienenstände in Deizisau fielen uns Sammlerinnen mit auffallend strahlend blauen Pollenhöschen auf. Eine ungewöhnliche Farbe. Phacelia kam nicht infrage, dafür war es zu früh und in der Umgebung war keine angebaut. Wir beließen es nicht bei Vermutungen, sondern gingen die angrenzenden Felder und Streuobstwiesen ab. Tatsächlich fanden wir in Bodennähe größere blühende Bestände von Blaustern (Scilla spp.), die von den Bienen beflogen wurden. Für mich ist diese kleine Szene bis heute bezeichnend für Gerhard Liebig: nicht vorschnell erklären, sondern hinschauen, prüfen, suchen – und dann verstehen.
Seit November 2025 veröffentliche ich auf immelieb.de wieder eigene Beiträge zu bienenrelevanten Themen und zu meiner Forschung am Julius Kühn-Institut. Diese neuen Texte sollen Gerhards Inhalte nicht ersetzen. Sie stehen in einer anderen Zeit, unter anderen Fragestellungen und aus meiner eigenen fachlichen Perspektive. Aber sie folgen dem Wunsch, diese Seite nicht verwaisen zu lassen und weiterhin einen Ort zu erhalten, an dem Beobachtung, Forschung und imkerliche Praxis zusammenkommen.
immelieb.de soll deshalb bestehen bleiben: als Archiv von Gerhard Liebigs Wissen, seiner Texte, Hinweise und Videos – und zugleich als behutsam weitergeführter Ort für bienenkundliche Themen. Die bestehenden Inhalte sollen erhalten und, soweit möglich, gepflegt werden. Neue Beiträge werden klar als neue Beiträge erscheinen und dazu beitragen, die Seite lebendig und fachlich nutzbar zu halten.
Gerhard Liebigs Vermächtnis liegt nicht nur in einzelnen Büchern, Videos, Geräten oder Betriebsweisen. Es liegt vor allem in einer Haltung: genau hinschauen, regelmäßig beobachten, die Entwicklung des Volkes verstehen und daraus einfache, verantwortbare Entscheidungen ableiten.
Die Imkerei hat ihm viel zu verdanken – und ich persönlich ganz besonders.
Danke, Gerhard.
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